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Der 1. Mai - Tag der Arbeit

Erich Kapfenberger (erich) on 30.04.2020

Was ist eigentlich Arbeit?  Was versteht man darunter? Welchen Stellenwert hat Arbeit für jeden einzelnen Menschen und für die Gesellschaft? Wie soll oder kann Arbeit künftig aussehen? Welche Rolle wird Arbeit einnehmen.  Brauchen wir überhaupt Arbeit?

Wenn wir uns der Arbeit von der Physik her nähern, wo Kräfte über Wege auf Körper einwirken, denken wir, auf den Menschen angewandt, in erster Linie an körperliche Arbeit.  Das reicht vom Holzfällen bis zur Krankenpflege, vom Koch bis zum Erdölarbeiter.  Alle diese Menschen tun etwas, das man jederzeit beobachten und erkennen kann. All diesen Arbeiten ist gemein, dass sie relativ einfach qualitativ und quantitativ zu beurteilen sind.
Daraus folgt die Beurteilungsmöglichkeit des einzelnen Arbeiters in Bezug auf seine Leistungsfähigkeit und seine tatsächlich erbrachte Leistung. Diese Leistung ist wiederung Basis für die Entlohnung.  
Soweit klingt das alles recht klar, einfach und nachvollziehbar.   Halt!  So einfach ist das in der Praxis auch wieder nicht. Es macht schon einen Unterschied ob der Baum in der Ebene oder schwierigem Gelände steht.  Es macht schon einen Unterschied welche Werkzege und Maschinen zur Verfügung stehen. Es macht schon einen Unterschied wieviel Talent und Erfahrung jemand hat. 
Schnell merkt man, dass viele weitere Faktoren zur Arbeit gehören.  Das Arbeit nicht nur aus der körperlichen Tätigkeit an sich besteht, sondern auch geistige Fähigkeiten in unterschiedlichem Ausmaß eine Rolle spielen.  Es wird um so unübersichtlicher je mehr diese "anderen" Faktoren die Arbeit bis hin zu vorwiegend geistiger Tätigkeit bestimmen, wo die körperlicher Arbeit sich auf ein paar Tastendrücke reduziert.  
Wie soll man diese Arbeit den messen?  Keine Arbeit läßt sich in Gedanken pro Minute oder etwas ähnlichem messen. Hier kann man nicht mehr messen, sondern nur noch beurteilen - indirekt - an Auswirkungen der gedanklichen Tätigkeit in anderen Bereichen. 
Man behilft sich dann mit Zielen oder Kennwerten, die zu einem vereinbarten Zeitpunkt überprüft werden. Es zählt in diesen Bereichen also nur noch das Ergebnis und nicht die Arbeit, die dazu geführt hat.  
Viele weitere unterschiedliche Aspekte kommen überall dort hinzu, wo Menschen unmittelbar im Arbeitsprozess betroffen sind.  Ob das der Kellner, der Krankenpfleger oder der Flugzeugkapitän ist, da geht es um Empathie, Emotionen und Verantwortung.  Allesamt Anforderungen, die sich nicht in einer physikalischen Formel ausdrücken lassen. 
 

Damit stellt sich nun die Frage nach dem Wert der Arbeit aus drei Richtungen.  Was bedeutet die Arbeit für die Person selbst, für den Arbeitgeber und auch für die Gesellschaft.  Für den Arbeitnehmer geht es um den Verdienst des Lebensunterhaltes, um die Bedingungen unter denen das erfolgt und um einen Grad der Selbstverwirklichung.  Auch die Sichtweise und Erwartungen  von Arbeitgeber und Gesellschaft wirken auf den Arbeitnehmer zurück.  Wäre das alles immer im Einklang, bräuchten wir keinen "Tag der Arbeit" und uns nicht mit dem Thema zu beschäftigen. 

Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist in unterschiedlichem aber doch hohem Ausmaß gesetzlich und vertraglich geregelt. 
Die Positionierung einer Tätigkeit in der Gesellschaft ist weder gesetzlich geregelt, noch für den Einzelnen nennenswert beeinflussbar.  
Die Wahrnehmung eines Jobs durch die Gesellschaft unterscheidet sich oft stark vom eigenen Empfinden des Arbeiters.  Dazu kommt, dass sich mit der Änderung der Gesellschaft auch die Wertigkeiten verschiedener Tätigkeiten verändern.  
Ausnahmesituationen wie wir sie gerade erleben, verändern diese Wertigkeiten oder rufen sie zumindest in Erinnerung.  

Ganz drastisch tritt der Wert der Arbeit zu Tage, wenn sie nicht (mehr) da ist und zwar für alle drei genannten Komponenten.   
Extremsituationen wie die aktuelle, wo nicht einzelne Personen, einzelne Firmen oder Branchen, sondern die ganze Wirtschaft und Gesellschaft betroffen sind, bewegen in einschneidender Form und stellen viele Aspekte unserer Arbeit in Frage. 

Welche Arbeiten sind unverzichtbar?  Welche Arbeiten wird es künftig überhaupt noch geben? Wie beurteilt die Gesellschaft Arbeitslosigkeit?  Was bedeutet Arbeitslosigkeit für den Einzelnen, insbesondere wenn der Staat unterstützend eingreift.  Brauchen wir überhaupt Arbeit für alle?  Ist Vollbeschäftigung noch ein lohnendes Ziel?   

Corona hat all diese Fragestellungen apprupt an die Oberfläche gespült. Tatsächlich steht die Arbeitswelt aber, getrieben durch Gesundheitskrise, Klimawandel und Digitalisierung,  vor gravierenden Veränderungen.  Wird künftig Arbeit noch das Mittel zur Existenzsicherung sein, oder nur noch den Grad unseres Komforts und Luxus bestimmen. Sie ahnen es schon. "Bedingungsloses Grundeinkommen" ist das Schlagwort dazu.  
Hier kommt nun wieder die Bewertung von Arbeit durch die Gesellschaft ins Spiel.  Heute werden oft Leute die langfristig keiner Erwerbstätigkeit nachgehen als Sozialschmarotzer und Taugenichtse hingestellt. Dem wäre damit die Grundlage entzogen.  Andererseits ist für die meisten Menschen Arbeit abgesehen von der existenziellen Komponente auch mit geistiger Erfüllung verbunden. Nicht umsonst gibt es zahlreiche ehrenamtlich tätige Menschen, die das zur persönlichen geistigen und emotionalen Bereicherung tun, aber auch von der Gesellschaft anerkannt werden.  Es braucht also Arbeit für fast alle Menschen, was für Vollbeschäftigung spricht, aber sie muß nicht zwangsweise dem Ziel der Existenzsicherung untergeordnet sein. Wenn Arbeit von dieser Existenzsicherungsfunktion befreit ist, eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten.  Wenn das "i" schon da ist, und wir uns auf das Tüpfelchen darauf konzentrieren können, gewinnt die Arbeit eine andere Qualität. Es gibt mehr Raum für Gestaltung und Innovation. 
Wir können selbst bestimmen, wie unser I-Tüpfelchen aussehen soll und wie groß es sein soll.  Der "Freie Arbeitsmarkt" wäre plötzlich tatsächlich einer, wenn der Druck des Überlebens wegfällt.  Es könnte ein realistischeres Szenario von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt entstehen.  
Es würde mehr Selbstbestimmung und damit Freiheit für jeden einzelnen bedeuten.  Es würde leichter fallen, sich Wohlstand ( was immer jeder  darunter versteht) zu erarbeiten, denn man könnte bereits von einer sicheren Existenzbasis starten. 

Für eine solche Form der Arbeitswelt sollten alle eintreten, die sich den 1. Mai an ihre Fahnen heften.  Das würde unsere Gesellschaft in ihrer Entwicklung ein gutes Stück weiter bringen. 

 

 

 

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